wie ein bot ohne gesicht einen igel bekam — und was unterwegs schiefging
ein bot für eltern — und null marketing
in der Ukraine habe ich ein projekt geführt, das die geschichten von unternehmern erzählt: The Business Code. Vitaly, ein unternehmer aus Kanada, hat diese videos gesehen — so haben wir uns kennengelernt. sein produkt: ADHD Parents AI, ein voice-first telegram-bot für eltern von kindern mit ADHS. die eltern schicken in einem schwierigen moment eine sprachnachricht und bekommen einen ruhigen, konkreten plan zurück — was gerade passiert, was man dem kind sagt, wie die spannung runtergeht. der bot lief. was fehlte, war alles andere: zielgruppe, kanäle, ein gesicht, ein ton.
ich habe mit der strategie angefangen, nicht mit dem logo. die erste entscheidung war die härteste: app-store oder Telegram? ein app-store bedeutet wochen bis zur freigabe und einen gatekeeper vor jeder änderung. in Telegram ändert man das produkt in stunden — und dort sitzt die ukrainisch- und russischsprachige diaspora, die alle konkurrenten mit ihren englischen apps nicht erreichen. also nur Telegram. keine app. und wer ein kind mit ADHS hat, sucht keine diagnose, sondern hilfe um 19 uhr.
die erste liste war falsch — und hundert gruppen sind nicht hundert türen
die erste kontaktliste zielte auf erwachsene mit ADHS — logisch, aber falsch: das produkt ist für eltern. also alles neu sortiert, elterngruppen nach oben, zwei zielgruppen: ukrainisch- und russischsprachige eltern in der diaspora, und englischsprachige ADHS-communities. daraus wurde eine basis von 287 geprüften kontakten — elterngruppen, kinderpsychologen, blogger, organisationen — jeder link von hand verifiziert, und 83 persönlich geschriebene nachrichten für die erste welle.
für den englischen markt kam ein plan mit 100 gruppen dazu: 43 für eltern, 42 für erwachsene, 15 allgemein — Facebook, Reddit, Discord, foren. und hier kam die erste wand: in der ersten woche haben wir acht gruppen erreicht, nicht hundert. der rest brauchte konten, historie und zugänge, die ein neuer account nicht hat. zwei entscheidungen: die botschaft wurde auf „feedback zuerst“ umgestellt — ehrlich sagen, dass das produkt im kostenlosen test läuft, um rückmeldung bitten statt um geld, kein preis in der ersten nachricht, kein wort über empfehlungsprämien, weil genau das in jeder community als werbung gelesen wird. und das weiterschreiben ging an eine helferin mit eigenen konten — mit einem simplen dokument statt der zwei hübschen übersichten, die ich zuerst gebaut hatte. „einfach die nachricht reinkopieren, mehr nicht.“
mitten in der welle: das produkt braucht ein gesicht
beim schreiben der nachrichten wurde etwas sichtbar: ein bot ohne gesicht ist nur ein link. eltern, die abends am ende sind, öffnen keinen link — sie öffnen etwas, dem sie vertrauen. die idee kam während der welle, nicht davor: ein maskottchen, das dem produkt einen namen, einen ton und einen körper gibt.
bevor wir gezeichnet haben, habe ich studiert, wie es die besten machen: die design-manuals japanischer stadt-maskottchen, koreanische charakter-guidelines, die brandbooks amerikanischer firmen- und college-maskottchen — 29 handbücher, rund 600 seiten. was wir übernommen haben: die dreistufige legende ○ / ✗ / △ für erlaubt, verboten, prüfen · einen nummerierten asset-katalog · klare regeln, wer den charakter wie verändern darf. was wir nicht übernommen haben: einen stil. der musste unser eigener sein.
✓ dreistufige legende ○ / ✗ / △ — aus den japanischen manuals
✓ nummerierter asset-katalog — aus den koreanischen guidelines
✓ lizenz- und änderungsregeln — aus den firmen-brandbooks
✗ fremde stile, fremde figuren — nichts davon kommt ins buch
drei charaktere, sechs stile, sechzehn konzepte — eines blieb
ich habe die entscheidung in zwei achsen geteilt: wer ist der charakter, und wie ist er gemacht. drei kandidaten: Dopa, ein axolotl, der sich regeneriert und nie erwachsen wird · Rook, ein waschbär, der chaos-kumpel aus der ADHS-meme-kultur · Momo, ein lebender funke. dazu sechs stile, vom gefilzten plüsch bis zum vektor. 16 konzepte an einem tag, generiert mit KI.
und dann mein eigener satz, der die hälfte davon erledigt hat: das produkt ist für eltern, nicht für kinder. der axolotl stand zu nah am spielzeugregal. die maske des waschbären las sich als dieb — auch ohne maske blieb der verdacht. der funke blieb abstrakt, man kann ihn nicht umarmen. vom sechzehnten konzept blieb eine zeile übrig: ein igel mit einem licht im bauch. außen stachelig, innen ein licht. das war es.




„prickly outside. golden inside.“
Iggy. ein igel, dessen stacheln sich an einem „spiky day“ aufstellen und abends wieder legen — und ein goldenes herz, das in jedem zustand leuchtet. die anatomie ist das produkt: die stacheln sind die zustände des bots, das herz ist das, was nie ausgeht. die vokabeln der marke kamen gleich mit: spiky day, glow, tiny step.
der stil hat drei anläufe gebraucht — und jeder hatte einen grund, zu scheitern. version eins: mattes clay-3D mit lila stacheln, stimmig, aber kühl; mit dieser version war schon ein ganzes buch gebaut, 35 renders, alles verworfen. version zwei: realistischer plüsch nach einer referenz des partners — warm, aber ein spielzeug; dazu ein seitlicher schatten, der nicht wegging, und zwei augen, die nie gleich glänzten. die dritte habe ich selbst als referenzbild generiert, und sie saß sofort: weiches 3D zwischen plüsch und cartoon, salbeigrüner hoodie, leuchtendes herz. das wurde der kanon — jede weitere pose entsteht aus genau diesem bild.



vorher ein logo. nachher ein charakter, der das produkt selbst erklärt
so sah das produkt aus, bevor wir angefangen haben: ein blauer kreis mit „ADHD AI“ — korrekt, sachlich und für niemanden ein grund, den bot zu öffnen. ein werkzeug ohne gesicht, das eltern um 19 uhr nichts verspricht.


nachher erklärt Iggy das produkt selbst — in zwei filmen: einer für fachleute, die mit familien arbeiten, einer für die eltern zu hause. dieselbe funktion wie vorher, aber jetzt mit gesicht, stimme und geschichte.
ein buch, das den charakter schützt — die zweite fassung
ein maskottchen ohne regeln zerfällt nach dem dritten freelancer. also ein brandbook, gebaut wie die großen: 12 kapitel — herkunft, profil, konstruktion mit turnaround und sicherheitszone, farbsystem, typografie, posen- und emotionskatalog, 12 verbote mit ○ / ✗ / △, erweiterungen, anwendungen, stimme, lizenz, asset-index. 31 renders aus einem referenzbild: fünf ansichten, acht emotionen, zehn posen für die ereignisse des bots, vier zustände, vier anwendungen. jeder render hat einen code, und der code steht im buch, in der sticker-liste und in der übergabe an die entwickler.
die erste fassung des buchs ist durchgefallen — zu recht. über jedem bild lag ein goldener schein, der die renders weich und billig aussehen ließ. der fehler steckte nicht in den bildern, sondern im layout: ein effekt, der über die bilder gelegt wurde. zwei stunden später stand die zweite fassung, ohne schein, mit freigestellter titelfigur. die lektion steht seitdem in jedem meiner projekte: eingebettete bilder in voller größe prüfen, nicht in der vorschau. und noch etwas steht im buch, schwarz auf weiß: Iggy gehört dem produkt, nicht mir. buch, telegram-integration und zwei pflichtenhefte — bot und admin-panel — gingen am selben tag an das team.




sticker sind vertrieb, keine deko
in Telegram wird ein charakter nicht angeschaut, er wird verschickt. deshalb ein sticker-pack: 23 sticker, jeder mit seinem emoji — glücklich, ruhig, besorgt, geschenk, stolz, überrascht, nachdenklich, umarmung, hallo, ich höre zu, atmen, kleiner schritt, tagebuch, bericht für den arzt, gute nacht, gib fünf, herz in den pfoten, ich schau mal, ruhiges leuchten, sicher eingerollt, avatar, müde, und einmal Iggy ganz. zwei davon hatten nach dem export die falschen namen — „schläfrig“ war in wahrheit „geschenk“ — gefunden beim abgleich bild für bild, nicht aus der liste.
die regel dahinter: die sticker bekommt man nach dem ersten kleinen erfolg geschenkt, nicht beim onboarding. ein geschenk wandert weiter, eine werbung nicht. und die wichtigste regel überhaupt, festgeschrieben im buch: je gestresster die eltern, desto weniger charakter. in der krise antwortet der bot mit text — ohne bild, ohne verzögerung. Iggy taucht auf, wenn wieder luft ist.

jung klingen, ohne ein kind zu sein
Iggy sollte sprechen: für ein 30-sekunden-begrüßungsvideo und für die welt der sticker. die stimme haben wir mit KI entworfen — warm, leise, mit hellem, jungem timbre. die erste beschreibung wurde vom anbieter abgelehnt, weil sie ein alter nannte; also haben wir das junge über die klangfarbe beschrieben, nicht über das alter. zwei durchgänge, eine stimme — und zwei lange lesungen für den showroom des partners, eine für kliniken, eine für eltern.
das drehbuch für den begrüßungsfilm steht im brandbook: fünf takte, 30 sekunden, keine harten schnitte — die eltern kommen erschöpft an, der film muss sich wie ein ausatmen anfühlen. jede szene ist auf einen render gemappt. aus den renders und der stimme sind kurze videos mit Iggy entstanden.
der charakter bekommt seinen platz — fünf runden an einem tag
zum schluss die website des partners für seine KI-produkte. die fünfte fassung kam von ihm, mit dem wunsch nach „einem sehr starken produkt“. ich habe sie an einem tag in fünf runden neu aufgebaut — eine geschichte von oben nach unten statt einer sammlung von kacheln. mein vorschlag für eine dunkle, lampenwarme palette ist rausgeflogen: die farben blieben seine. rausgeflogen ist auch ein tarif, der in keinem dokument belegt war, und jede zahl, die nicht nachweisbar war. keine erfundenen kunden, keine erfundenen zahlen.
mittendrin ein großer abschnitt für die charaktere: eine line-up, in der jedes produkt sein eigenes gesicht hat. Iggy steht dort als einziger mit dem status live; die anderen sind ehrlich als „in build“ oder „library“ markiert. dazu ein chat, in dem besucher tippen oder sprechen können — und der bei fragen, die er nicht beantworten kann, an einen menschen übergibt, statt zu improvisieren. die seite kannst du hier durchscrollen; kopfzeile und preise des partners sind weggelassen.

aus einem igel wurde ein universum
Iggy war der erste. nach seinem muster haben wir für jedes produkt der plattform einen eigenen charakter gebaut — und jeder bekam sein eigenes brandbook. Corvus, der rabe, rechnet die wirtschaftlichkeit vor. Lucky, der golden retriever, zeigt, wie es sich für die nutzer anfühlt. und jede branche hat ihr eigenes gesicht: die katze für die tiermedizin, der rote panda für die ernährung, der bär für die einwanderung, der biber für die reha, das erdmännchen für den neustart.








später sind all diese produkte in MESA aufgegangen, der plattform des partners — und aus den charakteren wurde unser arbeitssystem: für jede branche ein gesicht, ein film und ein brandbook, nach derselben methode wie bei Iggy.
aus dem bot wurde eine plattform
das projekt hat etwas größeres angestoßen. dieselbe partnerschaft, dieselbe logik — ein produkt, das in der tasche des nutzers lebt und nichts ohne sein ja tut — wurde zur grundlage für KORA, eine private firmen-KI, die in einer box auf dem schreibtisch wohnt. das marketing dafür: ein eigener case.
den KORA-case lesen ↗ein produkt für erschöpfte eltern gewinnt nicht mit features. es gewinnt mit einem gesicht, dem man um 19 uhr noch glaubt — und mit der disziplin, es genau dann wegzulassen, wenn es ernst wird.
